Christen und Juden - Fremde Geschwister (III)
Biblisch-talmudische Schlaglichter
Dr. Stefan Meißner

Kain und Abel

Das Alte Testament wimmelt nur so von Geschwistergeschichten. Gerade im ersten Buch Mose wird die ganze Menschheitsgeschichte als Familiengeschichte erzählt und immer wieder steht die Frage auf dem Spiel: Welcher Bruder ist der rechtmäßige Erbe und Verheißungsträger. Das fängt an bei Kain und Abel, wo der ältere den jüngeren Bruder erschlägt, weil das Opfer seiner Bruders von Gott angenommen wurde, sein Opfer aber nicht. Viele Juden sahen sich in der Geschichte als Nachfahren des Märtyrers Kain. Im 20. Jahrhundert hat Eli Wiesel den Judenmord im Dritten Reich im Lichte dieses Geschwisterstreites zu verstehen versucht.

Abraham: Ahnvater für Christen, Juden und Muslime

Die biblischen Schriftsteller stellten die früheste Menschheitsgeschichte
als Dekadenzgeschichte dar: Sündenfall, Inzest, Brudermord, Turmbau... Da war es nur konsequent, dass Gott noch einmal einen Schnitt machte. Mit Abraham wagte er einen Neuanfang, nachdem die Menschheitsgeschichte in die Sackgasse geraten war. In ihm, so sagt die Genesis, "sollen gesegnet sein alle Völker". So bleibt die Menschheit im Blick, freilich nur am Rande - sozusagen als Kulisse für die nun anhebende Familiensaga, die im Buch Exodus in die Volksgeschichte Israels einmündet. Abraham ist eine schillernde Gestalt: Obwohl (oder gerade weil) er anfangs als Götzendiener dargestellt wird, leiten sich die drei monotheistischen Weltreligionen von im her: Juden und Christen über Isaak, Muslime über Ismael.

Abraham im Judentum

Das Abrahambild des Judentums ist von einer inneren Spannung erfüllt: Einerseits sieht man in ihm Modell und Norm jüdischer Existenz, der die Tora bereits erfüllt hat, bevor diese am Sinai offenbart wurde. Zugleich bewahrt man ein Andenken an die nichtjüdische Herkunft Abrahams, wodurch er zum Stammvater und Vorbild für heidnische Konvertiten zum Judentum (Proselyten) werden konnte. Noch heute bekomen Konvertiten, die keinem der 12 Stämme Israels zuzuordnen sind, den Ehrennamen "ben-Abraham" (Sohn Abrahams) beigelegt.

Abraham im Christentum

An diese universalistische Tendenz des Judentums konnte das Christentum später anknüpfen. Schon Jesus warnte: Nicht alle, die von Abraham abstammen, sind auch Kinder Abrahams. Also im Klartext: Nicht alle Israeliten gehören zum Volk Gottes. Paulus führte diese Linie weiter, indem er für die Heidenchristen eine geistige Abrahamskindschaft reklamierte. Nicht Gesetzeserfüllung wie im Judentum, sondern Glaubensgehorsam kennzeichnet dieses Abrahambild. Die Juden(christen), die weiter versuchen, Anerkennung vor Gott durch das Gesetz zu finden, denunzierte er als Söhne einer Magd (Hagar), während die Christen ihm als Söhne einer Freien (Sara) galten (Gal 4).

Abraham im Islam

Als im 7. Jhd. der Islam die Bühne der Geschichte betrat, berief auch er sich auf Abraham, der im Koran Ibrahim genannt wird. Hier spielte er die Rolle des vorbildlichen "Hanifen", des Gottsuchers, der sich im Kampf gegen Vielgötterei bewährt und alle Götzenbilder abgeschafft hat. Die genealogische Linie läuft im Islam nicht über Isaak, sondern über Ismael, der von Mohammed nach dessen Bruch mit den Juden eine deutliche Aufwertung erfuhr.

Abrahamitische Ökumene

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass alle diese Herleitungsversuche ideologische Konstrukte sind, die einer historischen Nachprüfung kaum standhalten. Dennoch darf man ihre identitätsstiftende Wirkung nicht unterschätzen, die durchaus ambivalent ist: Man kann sich auf Abraham berufen in kritischer Abgrenzung gegenüber allen anderen Abrahamsöhnen oder in solidarischer Verantwortung für das gemeinsame Erbe. Meist dominierte in der Geschichte die gegenseitige Verketzerung von Juden, Christen und Muslimen, aber die abrahamitische Ökumene stellt heute eine nicht zu unterschätzende Chance dar, die konkurrierenden Schwestern an einen Tisch zu bringen.

Jakob und Esau

Nicht nur Abraham und seine Söhne wurden zum Modell für das Verhältnis Israels zur nichtjüdischen Welt, sondern auch die Söhne Isaaks. Dabei sah man in Jakob sowohl die Eigenschaften als auch das historische Schicksal der Juden verkörpert, Esau hingegen (und seine Nachkommen die Edomiter) werden zum Typus der Israel bedrängenden Weltvölker. Anders als im Abrahamzyklus legt hier bereits der Bibeltext eine typologische Interpretation nahe. Noch bevor die beiden Brüder geboren sind, stoßen sie sich bereits im Mutterleib und Gott spricht zur schwangeren Rebekka:

"Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweierlei Volk wird sich scheiden aus deinem Leibe; und ein Volk wird dem anderen überlegen sein, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen" (Gen 25,23)

Und so kam es dann ja auch: Jakob, der seit dem Gotteskampf am Jabok auch Israel genannt wird, erschleicht sich von seinem älteren Bruder das Erstgeburtsrecht und damit den Segen des Vaters. Freilich in der Geschichte obsiegte meist Esau über Jakob: Israel war in seiner langen Geschichte meist unter der Herrschaft von fremden Völkern und so wurde Esau zur Chiffre für Unglauben und Gottlosigkeit.

Doch das Gegenüber der beiden Brüder ist nicht ausschließlich negativ, wie eine Stelle im Talmud (AZ10b) verdeutlicht. Dort fragt der römische Kaiser Antonius den berühnten Rabbi Akiva:

"Werde ich die kommende Welt betreten? Ja, sagte der Rabbi. Aber, meinte Antonius, es heißt [doch]: ‚Und vom Haus Esau wird keiner entkommen' (Ob 1,18). Das, antwortete er, bezieht sich nur auf jene, die deren üble Taten denen Esaus gleichen. Wir haben weiter gelernt: ‚Und vom Haus Esau wird keiner entkommen' - man könnte meinen, keiner! - Darum sagt die Schrift: ‚vom Haus Esau', um es nur auf die anzuwenden, die so handeln wie Esau. Aber, sagte Antonius, es steht geschrieben: ‚ Dort in der Hölle liegt Edom, mit seinen Königen und all seinen Füsten' (Ez 32,19). Hier, so meinte der Rabbi, heißt es, ‚seinenn Königen', es heißt nicht ‚all seinen Königen', ‚all seine Fürsten', aber nicht ‚all seinen Oberen'".

Nicht Herkunft, sondern moralische Bewährung

Hier entscheidet sich die Teilhabe am himmlischen Reich nicht an der Zugehörigkeit zu den Nachkommen Esaus, sondern daran, wie diese Nachkommen sich gegenüber Israel verhalten. Nicht Abstammung also ist das Kriterium der endzeitlichen Rettung, sondern moralisches Verhalten. Dieser Grundsatz erinnert an den Völkersegen, der in Gen 12,3 Abraham zugesprochen wird: "Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen, und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden." Sowohl die Bibel als auch der Talmud kann sich vorstellen, dass Heiden als Heiden, d.h. ohne zum Judentum zu konvertieren, gerettet bzw. gesegnet werden. Aber: Diese Heilszusage ist an eine Bedingung geknüpft: Segen für die Völker, also auch für uns Christen, wird es nur geben, wenn wir uns Israel gegenüber bewähren, wenn wir es nicht (wie in der Vergangenheit so oft geschehen) entrechten, verfolgen und ihm das väterliche Erbe streitig machen.

Die Noachidischen Gebote als Minimaltora für die Völker

Das Heil für die Völker aus rabbinischer Perspektive steht unter einem zweiten Vorbehalt: Auch Nichtjuden müssen gewisse Grundprinzipien der Tora, des jüdischen Religionsgesetzes, einhalten. Diese Minimalvorschriften sind zusammengefasst in den sieben Noachidischen Geboten. Die Liste variiert, aber in der bekanntesten Fassung von bSan 56a/b enthält sie 6 Verbote und ein Gebot: Die Verbote von Götzendienst, Mord, Unzucht, Blasphemie, Raub und Brutalität gegen Tiere werden ergänzt durch das Gebot, Gerichtshöfe einzusetzen. Diese Regelungen, die nur teilweise einen Anhalt an der biblischen Sintflutgeschichte (bes. Gen 9,4-6) haben, werden als Anweisungen Gottes an die Nachkommen Noahs, also faktisch an die ganze Menschheit, verstanden. Nichtjuden werden also nicht auf alle 613 Ge- und Verbote der Tora verpflichtet, sondern für Heiden reicht nach jüdischer Sicht dieser Minimalkatalog, um Anteil an der kommenden Welt zu bekommen. Die Noachidischen Gebote könnten ein Ausgangspunkt für einen interreligiösen Diskurs über ein gemeinsames Weltethos sein, wie H. Küng es fordert. Leider wurden sie von Nichtjuden noch viel zu wenig zur Kenntnis genommen.

Kinder des einen Vaters im Himmel

Ob Kain und Abel, Isaak und Ismael oder Jakob und Esau: Immer wurden die Rivalitäten zwischen Christentum und Judentum im Lichte biblischer Geschichten um Geschwisterstreit und Geschwisterneid interpretiert. Und in der Tat handelt es sich bei den beiden Religionen, wie wir gesehen haben, um Geschwisterreligionen - beide hervorgegangen aus den selben politischen und sozialen Umbrüchen, die das alte Israel in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung durchgemacht hat. Geschwister freilich, die sich seitdem fast permanent um dieses Erbe streiten und dabei vergessen, dass sie mindestens eben so viel verbindet wie sie trennt. Dieses Verbindende wiederzuentdecken, dazu könnten die behandelten biblisch-talmudischen Traditionen heute anleiten, damit Christen und Juden sich als das erkennen, was sie schon immer sind: Kinder des einen Vaters im Himmel.


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