Heilige Schriften – Facetten des einen Gottes oder Antipoden um die Wahrheit?

von Stefan Meißner

Die drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam teilen einen Grundbestand von gemeinsamen Texten bzw. Überlieferungen, die für ihren Glauben und ihr Leben normativ sind. Dabei ist die Nähe von Christentum und Judentum untereinander sicher größer als die der beiden Religionen zum Islam. Denn im Verhältnis von Tenach und christlicher Bibel begegnet uns der m.W. in der Religionsgeschichte einzigartige Fall, dass die Hl. Schrift einer Religion für eine andere Religion (mehr oder minder wörtlich) übernommen und dem eigenen Kanon einverleibt wird.

Die christliche Aneignung des Tenach geschah allerdings nicht selten um den Preis der Spiritualisierung/Vergeistigung der Texte. Wenn da z.B. im AT von Jerusalem die Rede war, assoziierte man als christlicher Leser, der fernab vom Hl. Land lebte, nicht unbedingt die Hauptstadt Israels, sondern man dachte an die Kirche (allegorischer Sinn) oder das künftige himmlische Jerusalem (anagogischer Sinn). Viele Texte wurden auch christologisch oder trinitarisch gedeutet - ganz sicher entgegen dem der Aussageabsicht der ursprünglichen Autoren, die vom Kommen Christi noch nichts wissen konnten. Oft auch wurden alttestamentliche Texte antitypisch gedeutet zu den Offenbarungen des Neuen Bundes (z.B. die Adam-Christus-Typologie in Röm 5). Allzu leicht konnte hier das Alte zu einem veralteten und vom Neuen Testament überholten und überbotenen Testament werden. Ein Grundmuster des christlichen Antijudaismus´ ist sicher auf diese verhängnisvolle Hermeneutik zurückzuführen und es bleibt bis heute eine unabgegoltene Frage, wie wir uns als Christen die hebräische Bibel aneignen können, ohne dabei die Juden, die doch ihre ersten Adressaten waren (und sind!), zu enteignen.

Als sich im 7. Jhd. der Islam anschickte, die beiden Geschwisterreligionen zu beerben, wählte er einen anderen Weg der Aneignung. Im Koran gibt es keine wörtliche Übernahme biblischer Texte, sondern allenfalls Anspielungen, Paraphrasen und midraschartige Variationen biblischer Themen und Motive. Dabei wird einerseits betont, der Koran stehe in Kontinuität zu den Offenbarungen von Christen und Juden. Zugleich aber wird behauptet, diese hätten das ursprüngliche Wort Gottes verdunkelt und entstellt. Was der Islam also für sich reklamiert, ist die Wiederentdeckung des ursprünglichen Sinnes des Wortes Gottes, der durch den Koran ein für allemal geoffenbart wird. Anders als im Christentum geschieht diese Anknüpfung also nicht in Form einer spiritualisierenden Deutung alter Texte, sondern in Form vom Überbietung durch Reformulierung.

Der gemeinsame Grundbestand an Texten und/oder Überlieferungen bietet inhaltliche Anknüpfungspunkte und eröffnet damit Möglichkeiten zu Dialog und Verständigung. Er birgt aber auch die Gefahr des Streites um das richtige Verständnis des gemeinsamen Erbes in sich. Es ist sicher kein Zufall, dass der Antagonismus der drei monotheistischen Religionen oft als Geschwisterkonflikt dargestellt wurde. Nicht in den biblischen Texten selbst, wohl aber in ihrer späteren Auslegung werden die Abrahamsöhne Isaak und Ismael als Stammväter von Juden und Muslimen modelliert. Ganz ähnlich sah man im rabbinischen Schrifttum Jakob und Esau als Chiffren für Juden und Christen. Die Gefahr einer solchen Rückprojektion gegenwärtiger Konflikte in die ferne Vergangenheit ist ihre theologische Überhöhung und damit ihre unhinterfragbare Perpetuierung in die Zukunft hinein.

Heilige Texte sorgen für Abgrenzung nach außen. Neue Glaubensgemeinschaften definieren neue Korpora für sie normativer Schriften und setzen sich so von ihrer Mutter- bzw. Geschwisterreligion ab. Zugleich sorgen sie für die Herausbildung von Identität im Inneren. Es dürfte kein Zufall sein, dass sich der christliche Bibelkanon zu einem Zeitpunkt herausbildete, als sich die Kirche mit den Thesen des Gnostikers Marcion auseinander zu setzen hatte. In ähnlicher Weise verdichtete sich der jüdische Bibelkanon in der Zeit der Auseinandersetzung mit dem entstehenden Christentum. Diese identitätsstiftende Funktion heiliger Schriften, die Jan Assmann „textuelle Kohärenz“ nennt, ist allen Buchreligionen wesentlich. Das unterscheidet sie von den sog. primitiven od. Primärreligionen, die Zusammenhalt durch „rituelle Kohärenz“, d.h. im kultischen Vollzug, realisieren. Ob die Buchreligionen tatsächlich (wie von Assmann unterstellt) weniger sinnlich und tendenziell gewaltbereiter sind, mag an dieser Stelle offen bleiben. Festzuhalten ist aber auf jeden Fall die immense Bedeutung Hl. Schriften für die soziale Formation von Religionsgemeinschaften.

Die historisch-kritische Forschung der Neuzeit hat die Vielfalt, ja Disparatheit der in den Hl. Schriften enthaltenen Traditionen aufgezeigt. Das gilt v.a. für die Bibel, die über einen langen Zeitraum hinweg entstanden ist und in der sich ganz unterschiedliche kulturelle Millieus niedergeschlagen haben. Das macht die Aneignung dieser Schriften und die ethische Orientierung an ihnen schwer. Immer wieder sucht man in der Vielfalt so etwas wie einen hermeneutischen Schlüssel, eine einigende Mitte, von dem her sich das Schriftganze erschließt. Luther z.B. fand das Entscheidende in dem, „was Christum treibet“. Von diesem Zentrum her, war er dann auch in der Lage, an einzelnen biblischen Texten Sachkritik zu üben. Ganz ähnlich sehen auch heute prominente Vertreter des Protestantismus die Rechtfertigungsbotschaft als eine Art „Kanon im Kanon“, vom dem her der Rest der Bibel in den Blick zu nehmen ist.

Die Heiligkeit heiliger Schriften äußert sich u.a. auch in der Behauptung der Heiligkeit der Sprache, in der diese Texte ursprünglich verfasst sind. Das gilt in besonderem Maß für das Hebräische als Sprache des Tenach, aber auch für das Arabische, in dem der Koran aufgeschrieben ist. So sind Übersetzungen der Hl. Schriften in Islam und Judentum zwar nicht gerade verboten, aber doch eher unüblich – zumal im gottesdienstlichen Kontext. Weit weniger hängt das Christentum an der ursprünglichen Sprachgestalt seiner Bibel. Nicht die hebräische Bibel wurde hier geschichtlich wirkmächtig, sondern die griechische Übersetzung derselben (LXX), später dann abgelöst durch die alles verdrängende lateinische Vulgata.

Eine weitere Gemeinsamkeit der drei Buchreligionen, mit denen wir uns befassen, stellt die Tatsache der Kommentierung und Auslegung ihrer Hl. Schriften dar. Gerade weil der ursprüngliche Textbestand heilig ist und nicht mehr verändert werden darf, bedarf es der Auslegung des Wortes Gottes, um es an veränderte Zeitumstände je neu anzupassen. Wie weit Text und Auslegung zuweilen auseinander treten können, kann man sich am Beispiel der mündlichen Tora veranschaulichen, die zuweilen die geschriebene Tora geradezu auf den Kopf zu stellen scheint. Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist die nach der Auslegungsautorität. Während die katholische Kirche diesbezüglich für sich das Monopol beanspruchte, traute es Luther auch dem Laien zu, den Sinn der Schrift zu erheben. Als er eine Rückkehr zum Schriftprinzip („sola scriptura“) forderte, geschah dies bewusst in traditionskritischer Absicht.

Aber lässt sich die Tradition wirklich ausblenden bei der Lektüre heiliger Texte? Schließlich sind diese doch selbst ursprünglich Teil der Tradition gewesen. Wer das übersieht, läuft leicht Gefahr, die Texte unhistorisch zu lesen. Sowohl der Standort des Autors als auch derjenige der Leser ist zeitbedingt. Dies erst zu nehmen, scheint mir die unaufgebbare Stärke der historischen Bibelkritik zu sein. Dies zu ignorieren, die Schwäche des Fundamentalismus, der so tut, als wäre das Wort Gottes anders zu haben als stets vermittelt durch Menschenwort. Auch wenn die Medien mitunter einen anderen Eindruck vermitteln: Der Fundamentalismus stellt nicht nur ein Problem des Islam dar. Er stellt heute eine Versuchung dar, die alle Religionen gleichermaßen herausfordert: Die Versuchung der einfachen, schnellen Antwort auf die Herausforderungen einer immer komplexer werdenden Welt.

(Überarbeitete Fassung des Einführungsreferats bei der gleichnamigen Akademieveranstaltung am 18.02.2005 im Butenschoen-Haus/Landau)

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